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Zum 50. Geburtstage Theodor Brün’s. 1935Am 18. September vollendet Theodor B r ü n sein 50. Lebensjahr, das – eine gewisse Wende in jedem zielstrebigen Leben – ihn auf der Höhe seiner Kraft, am Anfang seines wohlverdienten, gründlich erarbeiteten, nun auch in der größeren Öf-fentlichkeit anerkannten Erfolges sieht. Er gehört zu den Abseitigen, eigengewach-senen, die nie um die Gunst der Menge gebuhlt haben, sondern in der unentwegten Arbeit ihre Fähigkeiten bis zur Vollendung gesteigert haben. Geboren ist er im uns benachbarten Hamm, als Sohn eines Kaufmanns, Sproß einer alten Hugenottenfamilie. Seine Schulzeit in Hamm, Essen, Dillenburg wurde 1905 mit der Matura abgeschlossen. Dem in München begonnenen Jura-Studium widersetzt sich der Zwang zu malen. 1907 ist er in Paris. Seit 1908 arbeitet er ohne Lehrer, mit der Unterbrechung eines winterlichen Kurses in der Münchener Radierschule Hahn (Muß heißen: HALM) Hagen wird seine Heimat. Dem Geschehen des Weltkrieges stellt er sich von Anfang bis zu Ende und wird 1917 Offizier. Alles, was er erlebt, wird zeichnerisch festgehalten. Nach dem Kriege beginnen dann die An-fänge seiner Holzschnitzerei. Es bleibt ein einsames, nach Außen hin unbeachtetes Arbeiten. 1924 kann er zum ersten Male in der Sezession Berlin ein Aquarell ausstel-len. Seit 1928 ist er Mitglied des „Jungen Westfalen“. Zur selben Zeit verbindet er sich in echter Lebensgemeinschaft mit Carla Scharlemann. Mutiges Kämpfen gegen korrupte Zustände bringt ihm den Ausschluß bei den „westfälischen Künstlern und Kunstfreunden“ ein. Erst 1934 findet die Wende statt: d e r K u n s t - v e r e i n f ü r R h e i n l a n d u n d W e s t f a l e n i n D ü s s e l d o r f fordert zu einer Kollek-tivausstellung auf, die zum starken Erfolg wird. Der 50-Jahr-Ausstellung in H a m m wird im November die Ausstellung im H a g e n e r städt. Museum folgen. Eine Ein-ladung der K e s t n e r - Gesellschaft ist noch nicht genau festgelegt. Charaktervoll, ohne jeden Kompromiß hat Theo B r ü n in unablässigen Ver-suchen und bemerkenswerter Vielseitigkeit von je das ihm Arteigene gestaltet, in schöpferischer Phantasie ganz seiner inneren Schau hingegeben. Das Handwerkli-che im Zeichnerischen, Malerischen, vor allem in der meisterlichen Beherrschung der manchmal an mittelalterliche Vorbilder erinnernden Radierkunst ist selbstver-ständliche Vorbedingung. Die erstaunliche Beherrschung des Werkstoffs aber in sei-ner holzbildnerischen Arbeit läßt ihn erst zu der Kühnheit und Eigenart in Erfindung und Form kommen, die ihn befähigt, Geistiges so auszudrücken, wie er es sieht. Es geht um d e u t s c h e L a n d s c h a f t in ihrer Stille und ihrem Ernst. Fremde Einflüsse dienen der Anregung und Auswirkung. Hunderte von Pariser Studien aber können ihn nicht - ähnlich(e) wie der deutscheste Maler Dürer in Italien seinem inner-sten Wesen treu blieb – von seinem ureigensten Besitz trennen: dem Wissen um den göttlich-geheimnisvollen Untergrund des Lebens und des Todes und dem intuitiven Erkennen der höchsten Kraft, die alles bindet und vereint. Die Lust am Fabulieren, am ornamentalen Formenspiel, wird nie schmückendes, dem Aesthetischen zuge-wandtes Beiwerk und behält immer den Zusammenhang zum Gedanklichen. Das gehört zu seiner g e r m a n i s c h e n, speziell w e s t f ä l i s c h e n S e i n s w e i- s e, zur S e e l e n h a l t u n g d e s n i e d e r d e u t s c h e n K ü n s t l e r s und l a u t e r e n M e n s c h e n. T.W. Berliner Börsenzeitung, 11. November 1935Theo Brün Ein Künstler aus dem heimlichen Westfalen Auf dem Berliner Dreifaltigkeitsfriedhof am Halleschen Tor steht das Denkmal für den vor einigen Jahren verstorbenen Musikkritiker Walter Schrenk. Das Relief auf der Bronzeplatte zeigt Charon, wie er den Toten über das Wasser holt, vom Ufer her aber tönt aus Orche-stern und Opernhäusern noch Musik nach. Der Künstler ist Theo Brün, der in diesem Som-mer auf mehreren Ausstellungen des Westens bedeutsam hervortrat, so in Düsseldorf und Dortmund. Zur Zeit zeigt das Städtische Museum seiner Heimatstadt Hagen anläßlich seines 50. Geburtstages eine Überschau über sein Gesamtwerk. Das angedeutete Musikalische ist in einem tieferen Sinne für sein ganzes Schaffen bezeich-nend. Brün begann mit Zeichnungen und Radierungen, wozu er die Schulung in München und Paris erhielt. Seine bis ins Kleinste ausgearbeiteten Landschaften (Weser und Umge-bung Hagens) zaubern ein Stück Wirklichkeit vor das innere Auge der Seele. Schon die flot-ten Skizzen von Kindern und Tieren atmen den Hauch lebendigen Lebens. Das einschnei-dende Ereignis in seinem Leben aber war der Krieg - vier Jahre stand Brün an der Front; Radierungen aus der Zeit (ganz schlichte Muskoten und einsame Kriegslandschaften) zei-gen die verwesentlichende Wirkung jener Jahre. Und noch mehr als früher ist sein Ohr seit-dem nach innen gewandt und lauscht auf das geheimnisvolle Klingen des Lebens. Schon die Versuche in Aquarell und Ö1 mit den überraschend intensiven Farbtönen (Schneeland-schaft, rote Ziegeldächer im Vorfrühling) lassen das ahnen. Vor allem aber die Holzschnitze-rei, dazu Brün ohne alle Schulung kam. Die überraschende Unmittelbarkeit der organischen Materialbehandlung, die Handwerklichkeit im besten Sinne und das ertastbare Körpergefühl sind die eigentlichen Merkmale seiner Stammeszugehörigkeit - geboren wurde er 1885 zu Hamm i.W., mütterlicherseits aus einem uralten westfälischen Bauerngeschlecht. Aber das sind ihm nur Mittel, wie auch das seltsame erzählende oder symbolische Beiwerk - "Frau vor dem Spiegel" (freistehende Plastik) oder "Alter Mann", der in dem Gestänge einer Wendel-treppe abwärts ins Dunkle schreitet - in die versponnene Welt seines Innersten einzuführen. Unvergeßlich, wie dies Magisch-Visionäre bei ihm sichtbare Gestaltung erhält: "Versuchung" mit dem Nach-Innen-Horchen auf die Worte des Einflüsterers, der als Negativ auf dem ste-hengebliebenen Hintergrund erscheint mit dem Schwarm seiner Phantasiegestalten - oder der "Schauspieler" (sonst im Hagener Stadttheater) mit der tiefen Symbolik von Maske und Geste, die der "acteur" nicht ausfüllen kann. Der Schritt ins Wesentliche, ins Allgemein-Menschliche gibt jedem Werk die Bedeutung. Es ist eine Kunst, zu der man nur Zugang erhält, wenn man ganz schlicht und wahr gegen sich selbst wird, wie der Künstler in seiner strengen ernsten Arbeitsweise. Seinen Wert aber macht aus, daß er ein Mensch mit einer reichen Innenwelt ist - ein Mensch jenes heimlichen Westfalen, das selten nur in einigen gelungenen Formwerdungen an die Öffentlichkeit der großen Welt tritt. An die Droste dürfen wir denken und an ihre magisch-visionäre Tiefe. H. |
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